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Der Ursprung der Alwinisten.

I. Kapitel
Elaras Besuch auf Erden

Vor vielen Jahrhunderten, es mag wohl am Anfang des Zeitalters der Isolation gewesen sein, beschloss Elara sich wieder einmal auf Erden zu begeben um zu sehen, wie sich die Rasse der Menschen entwickeln würde. Sie schritt durch Dörfer und Städte und besuchte viele Klöster und Bibliotheken. Doch musste sie feststellen, dass das Wissen der Alten und das Streben danach durch die Kriege in großen Teilen vergessen worden waren. Nur wenige der erwachsenen Männer und Frauen, wussten noch etwas über die Geschehnisse der Zeiten, in denen noch alle Völker in Eintracht lebten. Die wenigen Wissenden, die es noch gab, zogen die Einsamkeit vor, anstatt ihre Weisheiten preiszugeben. Die Rassen hatten sich verfremdet und selbst die ansonsten so klugen und friedfertigen Elfen lehrten den Menschen nichts mehr. Alsbald wandten sich diese davon ab, Neues erlernen, Altes wiederentdecken und aufbewahren zu wollen, und begannen sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das Handwerk und die Feldarbeit waren sehr hoch angesehen, doch leider zog es ebenso viele von solchen ehrwürdigen Berufen in die Schenken und Tavernen. Dort wurde getrunken, geraucht und gestritten. Überall herrschten Krieg und Feindschaften um Gold, Macht und weltliche Dinge. Doch all dies übertraf nicht das Elend, das sich im Westen ausgebreitet hatte. Die Menschen dort – Elfen gab es hier schon gar keine mehr, sie flohen schon vor langer Zeit – waren arm und der Boden wollte sie kaum ernähren. Dort konnte niemand an ein Buch denken, dort dachte man nur daran, wie man die nächsten Tage überleben würde. Und dennoch waren es jene, in denen die große weise Göttin die Hoffnung der Zukunft sah. Denn sie allein waren es, die sich Tugenden wie Güte, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und ein sogar ein klein wenig Wissbegier bewahrt hatten.


II. Kapitel
Die Jugend und das Reifen Alwin Helling des Weisen

So stieg Elara bald traurig und enttäuscht wieder in ihr Heim und sann nach einer Lösung, den Menschen und allen Völkern wieder den Wert des Wissens nahe zu legen. Lange suchten ihre klugen Augen überall auf Erden bis ihr Blick auf ein kleines Kloster fiel. Es lag versteckt im tiefen Wald. Ein besonderer Novizen bedrängte dort die Mönche mit Fragen, ohne jemals dabei zu ermüden. So oft ihm einer der Priester erklärte, dass dieser das und jenes nicht genauer erklären könne oder vielleicht gar nichts darüber wisse, sprang der junge Mann in die Bibliothek und forschte so lange, bis er seine Antwort hatte oder bis er herausfand, wie er die Antwort einst wohl bekommen würde. Der Name dieses strebsamen jungen Menschen war Alwin Helling, der jüngste Sohn eines Kleinbauern, der schon in sehr frühen Jahren in das Kloster geschickt worden war. Kaum kannte er seine Eltern noch seine Geschwister oder sonst jemanden aus seinem Heimatdorfe, das es in der Zwischenzeit gar nicht mehr gab, denn auch hier hatten Neid und Hader die Menschen voneinander gehen lassen. Er wurde auch nie besucht, schien jedoch daran keinen Anstoß zu nehmen, da sein ganzes Leben einzig dem Streben nach Wissen zugewandt war. Andere Menschen waren für ihn nichts anderes als eine weitere Quelle des Wissens und der Erfahrungen. Die Göttin sah diesen jungen Mann mit Wohlwollen und beschloss, ihn des längeren zu beobachten. Tage, Wochen, Monate und Jahre vergingen und der fleißige Novize sprang immer seltener in die Bibliothek, aber nicht weil sein Durst nach Neuem gestillt war, sondern weil er jedes einzelne Buch in seinem Kopf gespeichert hatte, so wie ein Bauer sein Korn speichert und der Müller sein Mehl. Auch hatte sich der offene und stets fröhliche Gesichtsausdruck des jungen Mannes verändert. Er war ruhiger und zeitweilig auch trauriger geworden. Die strahlenden hellblauen Augen, die meist vor Begeisterung funkelten, wurden immer wieder von einem Schleier aus Tränen verhüllt. Die glatte Stirn, die er über ein Buch gebeugt stets in Falten gelegt hatte, war von tiefen Furchen durchzogen, die selten bei einem so jungen Mann beobachtet werden können. Und seine Stimme war nicht nur tiefer sondern auch leiser geworden, nur mehr selten erhob er sie zu einer Diskussion über das ein oder andere Phänomen, er sprach immer in einem gleichbleibenden, ruhigen aber auch sehr leisen Ton, der so manchen befremdete – schließlich wirkte er auf die anderen Novizen, wie keiner von dieser Welt und sie fingen an ihn zu meiden. Der Jüngling war zutiefst unzufrieden und suchte unbewusst nach einem tieferen Sinn in seinem Leben, denn er hatte erkannt, dass der Wert im Wissen und der Weisheit nicht alleine darin lag, dass man es speicherte und sicherte, sondern vielmehr darin, irgendetwas damit zu bewegen. Dies fiel aber nicht nur der großen Frau, die ihn stets beobachtete und deren Wohlgefallen sich vermehrt hatte, ins Auge sondern auch den gütigen Abt des kleinen Klosters.


III. Kapitel
Der Aufbruch

So ließ er Alwin eines Tages, die Sonne war noch nicht aufgegangen, in seine kleine Kammer rufen. Lange musterte er den Jungen, vielmehr den jungen Mann, der wenngleich vertraut auch anders und fremd wirkte. „Mein Sohn, du lebst über so viele Jahre bei uns und wir hatten stets Freude dich bei deinen Studien zu unterstützen.“, eröffnete er das Gespräch, „ doch du hast dich in all den Jahren sehr verändert. Bist groß geworden. Ein richtiger Mann, der so viele Bücher gelesen hat, wie selbst ich noch nicht.“ Der Abt war ein liebevoller Mann, doch er hatte schon lange erkannt, dass er wohl nichts weiter als ein bescheidener Diener der Götter wäre. Auch wenn der damals als Junge, als er selbst in eben dieses Kloster kam, voll Wissbegier war und sich bemühte, zählte er sich nie zu den Weisen und Gelehrten, die in diesen Zeiten wohl auch mehr zu den Fabelwesen, von denen man höchstens mal unter vorgehaltener Hand gehört hatte.
Wieder musterte er Alwin und schwieg lange bevor er weiter sprach: „Ich sehe, dass du dennoch unzufrieden bist hier.“ Bevor der Jüngling etwas erwidern konnte, hob der Abt die Hand um ihn Stillschweigen zu befehlen. „Du weißt es vielleicht selbst nicht, aber es ist so. Du beginnst dich hier zu langweilen und hast keine Aufgabe mehr. Doch ich habe lange darüber nachgedacht. Ich werde dich auf eine Reise schicken und Elara möge dich führen.“ Der Alte nahm eine gepackte Reisetasche mit den allernötigsten und einen Brief und überreichte die Sachen den Novizen. Lies den Brief, wenn du in weit genug weg bist, dort stehen alle weiteren Anweisungen. Und nun verabschiede dich von deinen Freunden, du wirst sie nicht so bald wiedersehen“ In seinen Gedanken jedoch fügte er hinzu: „Wenn wir dich überhaupt je wiedersehen werden.“ Der Knabe verbeugte sich knapp und ging in seinem gelernten Gehorsam ohne ein Widerwort hinaus. Doch hatte er nicht viele Freunde, außer dem Küchenjungen, den er einst lesen und schreiben beigebracht hatte, und der Stallmagd hatten ihn alle gemieden. So ging er zu seinen Lehrern und wurde von jedem gesegnet, bevor er kurze Zeit später aufbrach um zu gehen. Vor dem Tor erwartete ihn der gütige Abt. „Wohin soll ich gehen?“ – „Wähle eine Richtung, aber wähle sie weise. Im Süden wirst du auf Stämme von Nomaden treffen, ein gastfreundliches Volk, das allerdings auch Sklavenhandel betreibt. Würdest du von einen dieser Händler gefangen, wäre es um deine Zukunft geschehen. Im Norden wird es kalt und rau, dort findest du den Stamm der Nordmänner. Ein Volk, das sich ganz an seine Umwelt angepasst hat, sie sind so kühl wie die Winterstürme und so hart wie die Eisschollen, die ihre Seen das ganze Jahr bedecken. Im Osten wirst du viele Dörfer und Städte mit frischen Wiesen und blühenden Gärten sehen. Dort gibt es große Siedlungen, in denen sich viele Stämme treffen. Über dieses Volk herrscht ein mächtiger König, der vor allem darauf bedacht ist, seine Schatzkammer zu füllen. Alle diese Völker leben in Wohlstand. Dort gibt es sicher auch viele Bibliotheken und Klöster, die dir gefallen könnten.“ Der Abt hielt hier inne und betrachtete die eben aufgehende Sonne. „Aber Meister, was ist dann im Westen?“ – „Dort, mein Sohn, wirst du Dürre und Leere finden. Dies Land wurde von unheimlichen Qualen heimgesucht, kaum könnte dort jemand leben, außer denen, die vor den Herrschern fliehen müssen. Das sind keine göttergefällige Frauen und Männer, die sich dort ansiedeln.“ Nun musste er sich also entscheiden.
Doch wollen wir vorher noch einen Blick auf die Göttin tun. Sie freute sich, dass jener Jüngling endlich in die Welt geschickt wurde. Viele Träume hatte sie diesen alten Abt geschickt, eher er sie richtig zu deuten wusste und sich dem Willen der Göttin ergab. Nun hoffte sie, dass der junge Mann die richtige Entscheidung treffen würde und seine Wissbegier und sein Sinn für Gerechtigkeit noch stärker waren, als jene Angst die Sterbliche gewöhnlich um ihr Leben hatten. Und so geschah es auch. Nach einer kurzen Frist und einigen Erwägungen wandte er sich gen Westen. Der Abt unterdessen seufzte auf, und ging betrübt zurück in das Kloster, wo er sich sofort einschloss und um die Gnade der Götter für diesen Jungen, der ihm wie ein Sohn war, zu erflehen – im Geheimen ging er sogar soweit, dass er seine baldige Rückkehr ersehnte, doch soweit würde es nie kommen.
Lange und ruhig wanderte Alwin geradewegs nach Westen. Nach einigen Tagen bemerkte er bereits, dass es immer weniger Dörfer gab und die Natur war hier keineswegs so fruchtbar wie einige Meilen ostwärts. Nach einem Monat endlich hatte er trotz seiner typischen Sparsamkeit und der klösterlichen Enthaltsamkeit alle Lebensmittel aufgezehrt. Er sah sich jedoch von kargen Land umgeben und kannte nicht die geheimen Verstecke des Wassers oder gar wie und wo man gewisse nahrhafte Wurzeln ausgraben konnte. So ging er mit leeren Magen und immer trockeneren Kehle weiter, ohne seine Hoffnung auch nur im geringsten zu verlieren, denn was er auch im Kloster gelernt hatte, nichts war ihm mehr eingeprägt worden, als die Erkenntnis, dass alles nach Elaras Wille geschehe und die Wege der Menschen vorgezeichnet waren. Jeder Schritt, den er getan hat, war ihm von Beginn an vorbestimmt. Diese Unerschütterlichkeit bemerkte die Göttin und wusste, ab nun müsse sie diesen weisen Jüngling nicht mehr beobachten. Er würde seien Aufgabe, zu der sie ihn bestimmt hatte, vollbringen.


IV. Kapitel
Wie Alwin das Elend kennen lernt

Obgleich seines starken Glaubens wurden seine Schritte immer langsamer. Die Anstrengungen von tagelangen Märschen und nun noch Hunger und Durst, machten sich bemerkbar. Am Ende des Tages konnte er kaum einen Schritt vor den anderen tun, erschöpft ließ er sich fallen und wollte ruhen. Sogleich wurde der tapfere Gelehrte vom festen Schlafe Chergas umsponnen und wahrscheinlich wäre er auch jener gänzlich zum Opfer gefallen – er hatte bereits den fünften Tag keine Flüssigkeit zu sich nehmen können – hätte ihn nicht am frühen Morgen ein kleines Mädchen aufgelesen und ein paar Tropfen des frischen Morgentaues auf seine ausgetrockneten Lippen geträufelt. Schnell erwachte sein Lebenswille und er mit ihm. Die Kleine schaute ihn mit großen Kinderaugen an und machte dann eine Geste, ihr zu folgen. Sie marschierten einen beschwerlichen Weg durch ein Dornenfeld und über kahle Felsen bis sie endlich nach mehreren Stunden eine kleine Siedlung aus sehr dürftig zusammengebauten Hütten erreichten. Die Menschen hier saßen vor ihren Häusern und starrten den Fremden aus ihren dreckigen Gesichtern ohne jegliche Scham an. Man hörte Kinder vor Hunger schreien und alle schienen viel älter als ein Mensch je werden könnte. Ihre Haut war gegerbt von der gnadenlosen Sonne und durchsetzt von tiefen Furchen des Elends. Die Körper ähnelten eher denen mancher Ungeheuer, die in Büchern beschrieben werden, dicke geschwollene Beine und gleichzeitig die dünnsten Ärmchen, die man sich vorstellen konnte, kleine Runde Augen, die viel zu nahe am Nasenbein lagen, große Knollennasen und Münder ohne Zähne grinsten in den Gesichtern dieser Menschen. Hier sah man keine roten Wangen und keine dicken Backen. Nichts als Schmutz, Hunger und Krankheit. Der Gelehrte blickte sich ungläubig um und wäre beinahe fort gelaufen. Er kannte nichts anderes als ein Leben, das höchstens einstweilen in den Fastentagen im Eldas karg war. Er hatte noch nie hungern müssen, noch nie hatte er das schrille Schreien wehrloser Säuglinge, deren Bäuche vor Hunger aufgequollen waren, hören müssen. Doch da nahm ihn das kleine Mädchen an die Hand und lächelte ihn freudig mit wissbegierigen Augen an. Sie zog ihn in eines der Hütten und platzierte ihn auf die einzige Sitzgelegenheit, ein Bett aus Stroh und staubigen Decken. Alsbald kam eine Frau mit einen kleinen Bündel im Arm und lachte laut auf, als sie den jungen Mann da aus verängstigten Augen blickend sitzen sah. Sie sagte irgendetwas in einer fremden prachial klingenden Sprache zu dem Kind und grinste dann wieder mit ihrem beinahe zahnlosen Mund zu Alwin. Die Kleine jedoch, die man in diesem Dorfe wohl als ungewöhnliche Schönheit bezeichnen musste, war bei den Worten der Mutter aufgesprungen und aus der Hütte gelaufen. Nun begann die Frau sich mit allerlei Dingen des Haushaltes zu beschäftigen und beachtete den Mann nicht weiter. Sie kehrte die Stube und sang dabei in jener eigenartigen fremden Sprache. Der Novize blieb geduldig auf seinen Platz sitzen und beobachtete die Tätigkeiten seiner Gastgeberin und die Kargheit der Behausung.


V. Kapitel
Wie Alwin entdeckt, dass auch das Lachen eine Sprache ist

Stunden später kehrte das kleine Mädchen mit einem Topf mit schmutzigen, stinkenden Wasser und zwei toten Ratten in ihren Händen wieder. Der Anblick dieser noch blutenden Körper löste in dem verwöhnten Novizen einen unaussprechlichen Ekel aus. Doch die Frau schien sehr zufrieden und nahm beides lachend an sich. Augenblicke später waren Mutter und Tochter damit beschäftigt die Ratten zu häuten und eine Mahlzeit aus ihnen zu bereiten. Den Säugling jedoch legten sie ohne Worte in die Arme des fremden Mannes. Der Novize betrachtete das kleine Geschöpf und entdeckte Härtungen und wunde Stellen am ganzen Körper. Er hatte auch viele Bücher über Krankheiten und deren Behandlung gelesen, so erkannte er sofort, dass das Kind dringend gewaschen und mit fettigen Salben eingerieben werden müsse. Doch er konnte sich nicht mit der Mutter verständigen, noch dachte er, dass er hier solche Salben finden könnte. So versuchte er zuerst das Kleine von den schlimmsten Dreckklumpen zu befreien und streichelte dabei beruhigend über das Köpfchen. Ein eigenartiges aber wohliges Gefühl breitete sich in den jungen Mann aus, als er das wehrlose Kindchen so in seinen Armen wiegte, in diesem Augenblick erkannte er ausgerechnet in dieser schmutzigen Gegend, wie wertvoll, das von den Göttern geschaffene Leben war. Bald war das karge Mahl angerichtet und die Dame deutete ihn forsch an, ihr das Kinde wiederzugeben. So musste er sich von jenen Bündel, das ihm die spontane Idee der Liebe und des Mitgefühls geschenkt hatte, vorerst trennen. Als er sich dann im Raum umblickte, bemerkte er eine wunderbare Verwandlung. Mitten in der Kammer standen wie aus dem Nichts ein gedeckter Tisch und drei alte Fässer, die wohl als Sessel dienen sollten. So begab er sich nun dorthin und setzte sich, bestätigt durch ein fröhliches Lachen und heftiges Kopfnicken der Frau, auf einen dieser ausgedienten Fässer. Als die Suppe auf die drei Holzschüsseln aufgeteilt war – Alwin bemerkte beschämt, dass er wohl den größten Teil dieses eigenartigen Mahles bekommen hatte – senkte der Novize nach seiner Gewohnheit den Kopf um Oldra und Malachin für deren Gaben zu bedanken. Die zwei betrachteten dieses Geschehen und brachen alsbald in schallendes Gelächter aus. Zu fremd und eigenartig war ihnen jene Sitte, sich nicht sofort auf jegliches Essbare zu stürzen. Besonders so eine Köstlichkeit wie heute konnte man nicht jeden Tag bekommen! Alwin blickte sich erst ungläubig und etwas entsetzt um, doch da dieses ausgelassene Lachen so fröhlich und unbeschwert klang, konnte er nicht umhin selbst mitzumachen. Die glänzenden Augen der beiden Frauen hatten dabei einen so unschuldigen Ausdruck, dass man ihre Unwissenheit in diesem Fall wohl nicht als sündhaft bezeichnen könnte. So saßen sie sicher einige Minuten, durch die Sprache getrennt und durch das Lachen wieder vereinigt.


VI. Kapitel
Wie Alwin das Leben im Elend und viel mehr lernt

Die erste Nacht verbrachte der Gelehrte auf den Boden neben dem Herd. Es war kalt und unbequem, doch die Müdigkeit siegte und er schlief ruhig. Die zwei Frauen und der Säugling teilten sich das kleine Bett, wie sie es jede Nacht zu tun pflegten. Schon früh am Morgen brach die Mutter auf, ohne etwas gegessen zu haben. Sie kam erst gegen Abend wieder mit ein paar Händen voll Korn und Beeren. So fiel das Abendmahl, das einzige Essen an jenen Tage, für den kleinen Haushalt karg und weniger fröhlich als das vorige aus. Alwin begann sich aber trotz des Elends und des Hunger wohl zu fühlen. Das Mädchen versuchte ihm ihre Sprache beizubringen, indem sie auf Gegenstände zeigte und sie benannte. Sie selbst wurde Cheria genannt, ihre Mutter war Chalin und der kleine Bruder hatte wohl noch keinen Namen. Der junge Helling sog regelrecht sämtliche fremde Wörter in sich auf und versuchte die Sprache dieser eigenartigen Menschen, die trotz der ärmlichsten Verhältnisse stets zu lachen schienen, zu erlernen und sie in seinem Tagebuche aufzuzeichnen. Sein neues Leben erweckte wieder die Begeisterung für alles Wissenswerte, das ihn in seiner frühen Kindheit ausgezeichnet hatte, er erkannte bald, dass er hier trotz der widrigen Umstände viel Neues lernen könnte. Es war faszinierend für ihn, wie die Frauen es verstanden mit so wenig Lebensmitteln dennoch ganze Familien zu ernähren und ihre peinliche Reinlichkeit, die sich hier entwickelt hatte wirkte beinahe rührend. Er merkte bald, dass die Fröhlichkeit jener Mensche viel Stärke in sich trug, Stärke, die sie benötigten um den harten Überlebenskampf zu bestehen. Er erkannte, dass das Leben hier nur durch die Zusammenarbeit jener Menschen eine Chance hatte, nur durch ihre Gutmütigkeit und den Glauben aneinander konnte sie den Kampf ums Überleben aufnehmen.
Bald bemerkte er auch, dass er den Menschen mit seinen Fähigkeiten und vor allem mit seinem Wissen ein wenig helfen konnte und sich so in ihre kleine Gemeinschaft eingliedern konnte. Er lehrte sie, das Getreide nicht einfach wild zu wachsen lassen, sondern deren Anbau zu kultivieren. So würde die nächste Ernte nicht nur leichter, sondern auch ertragreicher. Er entdeckte die Wirkung von Rehdung vermischt mit Wasser, das den brüchigen Ackerboden nährreicher machte. Auch die Heilkünste der Dorfältesten kombinierte er mir seinem Wissen und verbesserte so rasch den Hygiene- und Gesundheitszustandes der ganzen Siedlung. Zudem begann er, nachdem er innerhalb weniger Monde die Sprache wie durch Zauberei gelernt hatte, der kleinen Cheria und vielen anderen Kindern Geschichten zu erzählen, Geschichten über die Götter und die Macht des Wissens. Er gab den Armen viel durch seine Weisheit und die Bücher, die er allesamt immer noch in seinem Kopfe trug. Auch zeigten sie ihm die Pflanzen und Kräuter der Umgebung und bald konnte er die dringend benötigten Salben herstellen. Er nahm nun endlich den Kleinsten seiner Gastgeberin und wusch und salbte ihn täglich. Bald schon war der Dreck verschwunden und die Härtungen wichen zusehends. Als endlich eines Tages nichts mehr von jener bösen Hautveränderung zu bemerken war, trug ihn Chalin stolz zu den anderen Bewohnern des Dorfes. Diese ließen sich nicht lange bitten und kamen mit dieser und jener Beschwerde zu dem eigenartigen Fremden, der nur sehr langsam gelernt hatte zu lachen. So gedieh das Dorf Jahr um Jahr und aus den Hütten wurden stabile saubere Häuser und aus den von Schlamm gezeichneten Wegen gute Straßen. Die Felder trugen mehr Früchte denn je und bald wurden wilde Schweine gefangen und gezüchtet. Das Elend hatte ein Ende und das Leben in dieser kleinen Gemeinschaft beschaulicher. Allein den Glauben an die Götter konnte Alwin nur wenigen vermitteln, beinahe keinen außer seiner kleinen Cheria, die inzwischen zu einem hübschen jungen Fräulein herangewachsen war, und einigen der Kinder, die er gelehrt hatte. Sie hatte gelernt zu lesen und zu schreiben und konnte nicht oft genug Geschichten über ihre Lieblingsgöttin, der sanften Oldra hören. Dennoch machte es ihm immer öfters Sorgen, dass diese Leute vielleicht durch ihren Unglauben in große Schwierigkeiten geraten könnten, schließlich wusste er ja um die Existenz der Götter und um die Ungeduld und den Zorn des einen oder anderen. Er betrachtete es lange Zeit als Scheitern seiner Fähigkeiten, dass er nicht allen den Glauben an die Elf und die Fünf nahe bringen konnte.


VII. Kapitel
Der große Vogel

Eines Tages entsandte das Dorf ein kleines Mädchen, es war das ärmste und bescheidenste der Gemeinde, um in den nahe gelegenen Bergen nach Eiern des großen Vogels zu suchen, diese Eier waren zu jener Zeit eine Delikatesse, an der sich nur die Reichsten der Reichen erfreuen durften. So stieg das junge Mädchen in die Höhen und erkletterte beherzt die Felsenhänge, denn nur dort sollten die Nester dieser seltenen Vögel zu finden sein. Nun war es jedoch zu jener Zeit des Jahres, da sich der weise Alwin stets vom Leben des Dorfes zurückzog um in der Einsamkeit zu meditieren und die großen Göttin zu Ehren. Nicht unweit seiner kleinen Hütte also suchte jenes kleine unschuldige Ding nach den Eiern und es dauerte nicht lange und sie verlor sich in den steilen Hängen der Berge, mitten in einer Steilwand fand sie sich wieder, weder fähig nach vorne noch nach hinten, nach unten noch nach oben auszuweichen. Nur wenige Meter über ihr thronte ein Nest des großen Vogels. Hilflos und hoffnungslos kauerte sie an einem kleinen Vorsprung und weinte herzzerreißend. Durch diese Geräusche angelockt, gelang der kluge Helling an jene Wand und erkannte durch sein großes Wissen sofort die Situation dieses armen Kindes. „Weine nicht mein Mädchen! Wir wollen gemeinsam zu Elara beten. Sie alleine wird uns das Wissen schenken, das wir benötigen um dich zu retten. Vertraue auf dein Schicksal.“ So knieten sie nieder und kaum konnte ein Gebet so aufrichtig und innig gewesen sein, als jenes in größter Not. In der Zwischenzeit war der große Vogel aber wiedergekehrt. Doch zum Erstaunen der Beiden schoss er nicht zornig auf das kleine Mädchen los, das ja eigentlich gekommen war um seine Eier zu stehlen, sondern beobachtete ruhig das Gebet. Stunden vergingen so und das Mädchen drohte vor Erschöpfung vom Steilhang zu fallen. Doch Elara, die Weise, zeigte sich gnädig. Der Vogel stieß einen Schrei aus und stürzte sich auf das kniende Mädchen, aber nicht um es zu attackieren. Nein, vielmehr nahm er es sanft in seine Klauen und setzte es behutsam neben Alwing ab. So war das Mädchen gerettet und das Dorf feierte seine frohe Rückkehr. Später war man sich einig, dass nur die große Göttin selbst dieser Vogel gewesen sein konnte. Die Bewohner wurden gläubiger und niemand wagte es mehr, Eier des großen Vogels zu stehlen oder gar zu verspeisen.


VIII. Kapitel
Wie das Dorf seinen Retter verstößt

So lebte er viele Jahre und war doch stets ein Fremder. Cheria war seine gelehrigste Schülerin und nicht nur das. Mit der Zeit entwickelte sich eine starke Bindung zwischen den zweien. Und so geschah es, dass er Sirani um ihren Segen bat und die Kleine, die ihn damals das Leben gerettet hatte, zur Frau nahm. Er baute seiner neuen Familie ein kleines Häuschen, wo sie glücklich und zufrieden lebten, ohne je ihrer beider Durst nach Wissen und Weisheit zu vergessen. Nach vielen Jahren erst öffnete er den Brief des Abtes, in dem stand: „Kehre um, mein geliebter Sohn, denn niemand sonst als ich selbst war jemals dein Vater gewesen..“
Es wurde Brauch, dass die Einwohner des Dorfes zu ihm kamen, wenn sie sich untereinander uneins waren. An jenen verhängnisvollen ersten Mos kamen wieder zwei Familien in das angesehene Haus des Gelehrten und seiner Frau. Man sagt, Moshran selbst habe wohl diesen Streit gestiftet um den Günstling Elaras etwas Böses geschehen zu lassen. Die zwei Parteien, die das Haus betraten, waren die Holzinger und die Familie der Bruchsteins. Sie stritten sich um ein Stück Wald, das beide meinten zu besitzen. Doch war es nicht nachvollziehbar, wem dieses Grundstück nun wohl wirklich gehöre. Es schien aussichtslos, doch da stellte der Weise eine Frage: „Sagt mir, ihr habt doch Kinder? Du Holzinger hast einen kräftigen Sohn und du Bruchstein eine hübsche junge Tochter. Und sind die beiden nicht einander sehr zugetan? Ich sah sie neulich, als sie sich heimlich trafen, damit ihre Väter ihnen nicht zürnen mögen. Gebt die zwei einander und dieses Grundstück sollte von nun an denen beiden gehören.“ Doch die zwei Familien lebten schon seit Jahren in einer Fehde und so konnte keiner der beiden Dickköpfe zufrieden mit jenem Urteil sein. Die Kinder jedoch, die das gehört hatten umarmten den klugen Richter zum Danke. Sie knieten sich nieder und erwarteten den Segen des Novizen. Dieser lächelte und bat bei Sirani um die Gnade, diese Menschen vereinen zu dürfen. So meinte er, der Gerechtigkeit genüge getan zu haben. Die zwei Väter jedoch grollten und schlossen sich sogar zusammen um diesen Mann aus ihrem Dorfe zu vertreiben. Sie mussten nicht lange auf eine Gelegenheit warten. Eine Frau, sehr gebrechlich und schon vom Alter gezehrt, wollte, dass Alwin sie von ihren Gebrechen heilte. Dieser jedoch erkannte, dass Cherga ihre Hand bereits über jene gestreckt hatte und konnte ihr so nur mehr Trost in der letzten Stunde sein. Doch der alte Holzinger und der alte Bruchstein sprachen heimlich zu den Leuten im Dorf und erzählten ihnen, sie hätten beide mit eigenen Augen gesehen, dass der vermeintliche Heiler die arme Frau verflucht habe und sie selbst den Händen Chergas übergeben hätte. So wiegelten sie die Menschen – die ja so wankelmütig sind und viel zu schnell vergessen – auf bis sie letzen Endes gemeinsam zum Haus des Alwin marschierten. „Fort Fremder!“ – „Geh heim!“ – „Du gehörst nicht hier her!“ und sogar „Mörder!“ war zu hören. Die Fackeln loderten und die Sensen und Schaufeln klapperten bedrohlich. Schon wollte sich der gute Helling der Meute stellen und sie zur Vernunft bringen, aber seine Frau kannte die Seelen dieser Menschen und packte ihrer beider Sachen. Nicht viel konnten sie mitnehmen, der Aufbruch kam sehr plötzlich. Doch ihnen blieb kein anderer Weg.


IX. Kapitel
Die Wanderschaft und das Dorf

So flohen die beiden über Berge und Täler. Der Weg war beschwerlich, doch keiner der beiden beklagte sich. Der Wohlstand und die Unwissenheit waren Schuld an solchen Vertreibungen und Fehleinschätzungen, das wussten beide. Zudem gaben sie sich den Willen Elaras hin, die ihre Schritte nun an einen geheimen Ort führte. Dort erschien sie ihnen selbst um sie in den Hallen willkommen zu heißen. Mehr wissen wir leider nicht über das weitere Schicksal des Alwin Hellings, doch wir wissen mehr über jenes Dorf. Es gedieh weiterhin und bald schon wurde den Menschen schmerzhaft bewusst, was sie mit jener Vertreibung getan hatten. Sowohl Holzinger als auch Bruchstein starben kurz darauf an einer mysteriösen Krankheit und beiderlei Gut ging an deren Kinder, die damals vom heiligen Alwin, wie er dort genannt wurde, getraut worden war. Sie lebten glücklich und hatten viele Kinder. Die vielen Schüler des gelehrten Fremden übernahmen seine Aufgaben und versuchten es gut zu machen, sie gründeten Generationen später den Orden der Alwinisten. So wurde aus der kleinen Siedlung ein Dorf und endlich eine Stadt. Die Einwohner dieser Stadt brachten das Wissen in die Umgebung und bald schon wurde daraus die Hauptstadt eines blühenden Königreiches. Zu Ehren Alwin nannte man sie fortan Winbergen.

aus dem Nachlass von:
Mariana Gutenhof

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