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Findaril – Tochter des Windes.

Einst, vor langer Zeit, so erzählen alte Maeren, lebte einsam im Walde ein Ehepaar. Der Mann, Ervin genannt, war Förster und schon seines Berufes wegen lieber hier in der Einsamkeit als in den Städten und Siedlungen der Menschen. Dort im dichten Walde lernte er auch seine Frau, Alariel eine wunderschöne Elfe, kennen. Lange Jahre lebte das Liebespaar glücklich mit Siranis Segen.

Als der Mann eines Tages seine Arbeit nahe einer Lichtung verrichtete, begann es plötzlich zu stürmen. Der Himmel verdunkelte sich und die Bäume ächzten im Wind. Eine alte Eiche drohte umzustürzen und sie war nicht die einzige, deren Krone sich beängstigend zur Erde neigte. So bekam der sonst mutige Mann es mit der Angst zu tun, und suchte eine kleine Höhle, kaum einen Steinwurf von der Lichtung entfernt, auf. Krachend und Heulend hörte er draußen Findaris Ruf, auf dass der mutigste Krieger und der schlauste Weise sich wohl ebenso versteckt hätten, wie der gute einfache Ervin. Dieser warf sich in der Höhle auf die Knie und flehte Findari an, ihn und vor allem seine Frau vor einer Katastrophe zu bewahren. Doch da pochte und polterte es am Eingang der Höhle, der Wind griff mit seinen starken Hände bis in die letzten Winkel und brachte den Erdboden zum erzittern. Der Mensch schloss die Augen und glaubte, nun bald in Chergas Reich zu kehren.

Doch als er die Lider wieder öffnete, war der Lärm vorbei und eine Staubwolke legte sich langsam wieder. Aber was musste er da erkennen?! Der Eingang der Höhle war in sich gestürzt und er war gefangen! Welch Seelenqualen peinigten ihn in diesem Augenblick, seine Haare wurden grau und seine Haut legte sich in Falten. Nach dem ersten Schrecken versuchte er, sich aus eigenen Leibeskräften zu befreien, doch die Felsen waren zu groß und lagen zu dicht, als dass er sich je einen Weg in die Freiheit bahnen könnte. So begann der Gefangene, zu heulen und flehen, aus Todesangst und aus Sehnsucht nach der Wärmer von Alariel, die seiner fern in der Waldhütte harrte. Auch sie empfand in jenen bangen Stunden ein großes Leid nach ihrem Herzen fassen. So stand sie vor der Tür ihrer Behausung und wartete sehnsüchtig auf das Wiederkehren ihres Mannes. Doch das blieb aus, da dieser ja in einer Höhle, fernab von allen Siedlungen und Wegen, begraben ward, ohne bereit zu sein für den Tode.

Der Mann schrie und weinte, doch niemand wollte ihn hören, und als er im Begriff war, sich seinem Schicksale zu ergeben, hörte er draußen ein leises Pochen. Voll neuer Hoffnung schrie er hinaus: „Wer ist da? Ich bin in größter Not! Sollten die Götter tatsächlich eine rettende Hand ausgesendet haben?“ Von draußen kam eine sanfte weibliche Stimme: „Was klagst du, Ervin?“ – „Gute Frau! Eingeschlossen bin ich, zum Sterben verurteilt. Lauft! Holt Hilfe, auf dass ich meine Frau wieder in die Arme schließen kann!“ – „ Keine helfend Hand ist hier, doch wirst du Hilfe finden, in mir.“ – „Oh, Mädchen! Verstehst du mich nicht? Ich bin in größter Not! Zu schwer sind die Steine, die hier liegen. So bitt ich dich, lauf in die nahe Siedlung und hol kräftige Mannen mich zu befrei´n! Ich geb dir auch dafür nen Lohn.“ – „Kein Hilfe ist dort wo ihr sucht. Keine Menschenhand wird dich befreien. Und was willst du, kleines Menschlein, mir schon geben?“ – „Bei aller Götter Macht, beschwör ich dich, mir zu Helfen in der Stund höchster Not! Nicht viel nenn ich mein, doch alles dies soll dir gehören. Wenn du nur geschwind mir Hilfe bringst!“ –„So gedenk deiner Worte und gib mir einst was ich begehr...“ – „Ich will, alt´s Mütterlein, ich will. Doch nun lauf!“ Kaum sprach er diese Worte, hörte er ein grässlich Heulen und Toben. Er meinte vom Winde aufgehoben und glaubte nun in die Halle der Götter zu kehren. Als er aber die Augen, die er erneut geschlossen hatte, wieder öffnete, leuchtete sanft der Mond mit seinen Kindern in sein Gesicht. Der Eingang war frei und eine ganz in Blau gehüllte Frau reichte ihm mit einen Lächeln die Hand. Sie sprach mit sanfter, nun wieder verjüngter Stimme: „So gedenke deiner Worte. Ich werde einst wiederkehren, einzufordern was du mir heut versprachst.“ Viel zu gebannt von dem Anblick der anmutigen alterslosen Gestalt, um zu antworten, sah er wie sich die Schöne langsam und doch innerhalb eines Augenschlags von ihm fortbewegte.

Alariel stand immer noch vor der Türe, weinend, denn noch nie war er so lange von ihr gewesen. Als jedoch endlich seine Gestalt in der Ferne zu erblicken war, lief sie ihn frohen Herzens entgegen. Sie sanken sich überglücklich in die Arme. Ervin erzählte ihr, ohne viel Worte zu gebrauchen, sondern nur mit der Sprache der Liebe, was geschehen. Unter der Linde lagen sie so, engumschlungen und indes bemerkte die Frau, dass sie nun endlich ein Kindchen gebären werde. Und so geschah es auch, einige Monate später. Dem glücklichen wiedervereinten Paar wurde ein wunderhübsches Mägdlein geboren. Sie gaben ihr den Namen Findaril, im Gedenken an seines Vaters wundersamer Rettung in jener Sturmesnacht.

Die Jahre zogen ins Land und das Kind wuchs heran. Es wurde ein wunderschönes, zerbrechliches Mädchen, dessen goldene Locken mit den Pfeilen der Sonne um die Wette strahlten. Ihre Stimme klang wie der Frühling und ihr Lächeln war sanft wie der Morgenwind. Viel Freude brachte es seinen Eltern. Bis eines Tages jene blaugekleidete Frau an die Türe der glücklichen Familie trat. Ervin freute sich aufrichtig, seiner Retterin erneut gegenüber zu stehen und so wurde die Frau aufs herzlichste empfangen und bewirtet. Sie jedoch blieb kühl und ruhig: „Ich bin gekommen, mir meinen Lohn zu holen.“ – „Seht euch um, gefällt euch etwas von meinem Hab und Gut? Berührt es und es wird Euer sein!“ schrie der Mann voll Freude aus. Die Frau indes beobachtete nur das Kind, und siehe da, Findaril, obschon sie stets schüchtern vor allen Wesen war, ging zielsicher und ohne Scheu zu der Frau. Diese reichte dem Kinde ihre Hand und als sie die zarten Mädchenfinger spürte meinte sie: „So, nun habt ihr keine Schuld mehr bei mir. Lebet weiterhin froh und glücklich. Ein weiteres Kind wird euren Schmerzen lindern, doch Findaril ist mein Lohn.“ Mit diesen Worten ging sie mitsamt der Kleinen hinaus. Lange sahen ihnen die Eltern traurig nach und viel länger war ihr Herz von Trauer berührt. Doch wie die Frau geweissagt hatte, wurde ihnen binnen eines Jahres ein kleines Knäbchen geboren, der Ervin und Alariel den Schmerzen über den Verlust nahm, wenngleich stets die Erinnerung an ihre Tochter die Familie begleitete.

Viele Jahre später kam eine junge wunderschöne Frau mit goldenen Locken und sanften blauen Augen in eine Menschensiedlung. Ihr Kleid war im Blau des Himmels. Es war Findaril, die von ihrer Ziehmutter in die Welt geschickt worden war, um allen Freude zu bringen und für sie zu tanzen und zu musizieren. Wo sie unter Menschen trat, brachte sie Freude, und Lachen erschallte auf allen Plätzen. Obgleich die Dame wenig sprach, hatte sie viele Zuhörer. Ein Ast, innen hohl und mit Löchern versehen, verliehen der wortkargen Maid die Stimme des Windes. So bereiste sie Städte und Dörfer und viel wurde von ihr und ihrem wundersamen Instrument gesprochen. So wird erzählt, dass sie so manchen Siechenden aus seinem Krankenlager durch die Töne und ihre Tänze geholt haben soll.

Eines Abends kam sie an eine Herberge, die ansonsten nur von Händlern und dunklen Gestalten besucht war. Auch hier brachte sie viel Freude mit Tanz und Musik. Besonders einen jungen Mann erfreute ihr Anblick, schon Monate war er ihr heimlich nachgereist, so sehr drängte ihn sein Herz zu ihr. Nur der alte Schankwirt dieser Herberge ließ sich nicht von ihr bezaubern. Alleine der Wert ihres Instrumentes war für ihn von Wichtigkeit. Er hatte schon viel von ihr gehört, und wusste, dass wohl viele eine große Summe für dies kleine Stöckchen bezahlen würden. So schlich er sich in das Zimmer der jungen Dame, als diese schlief. Er stahl das kostbare Instrument und legte seiner statt einen alten knorrigen Ast neben ihr Bett. Frohen Mutes stieg er dann in seine Kammer und schlief mit seinem Schatz fest in den Armen glücklich ein.

Kaum schloss er seine Augen, begann sich ein kühles Lüftchen zu bewegen, zuerst sanft und verspielt bis es zu einem zornigen Sturm ausgewachsen war. Der Wind rüttelte an den Festen des Hauses und die Bewohner jenes stürmten ängstlich hinaus, und tatsächlich krachte es zusammen. Kein Stein blieb auf dem anderen, keine Räume, keine Betten, nichts war mehr zu erkennen. Unter den Gästen der Herberge machte sich plötzlich ein Raunen bemerkbar, endlich hatten sie das Fehlen des Gastwirtes und des schönen Mädchens entdeckt. Panisch begann der junge Mann, der ihr so lange in stummer Bewunderung nachgereist war, nach ihr zu suchen. Als er sie endlich zwischen zwei Trümmern eingeklemmt fand, atmete sie nur mehr sehr flach. Kurz öffnete Findaril die Augen und lächelte zu dem jungen Mann. „Gut, dass du es bist, der mich findet. Meine Retterin, meine Mutter und meine Zerstörerin nimmt mich nun wieder zu sich. Der Mensch hat Findaris Güte mit Verrat gedankt. Doch du, mein Freund, nimm die Flöte und bring ihnen meine Lieder zu Ehren der großen Göttin.“ Mit diesen Worten schloss sie die Augen und der junge Mann vergoss bittere Tränen. Als jedoch der alte Wirt gefunden wurde, zerdrückt von seinem eigenen Haus, sah der Jüngling die Flöte in der Hand des Toten. Er nahm sie rasch zu sich und ging in die Welt. Dort lehrte er einigen Menschen dieses Instrument zu bauen, und anderen darauf zu spielen. So kam die Flöte in die Städte und Dörfer und wird noch heute zur Erbauung und zur Preisung der Göttin Findari gespielt.

aus dem Nachlass von:
Mariana Gutenhof

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