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Einsiedler auf der Suche nach Eldan.
Vor langer Zeit ereignete sich eine Gegebenheit in der Stadt Albar, zur Mittagszeit an einem Spätsommertag hin. Die Sonne stand hoch und wand sich hinter vielen Wolken und einem blauen Himmel. Die Wärme war deutlich zu spüren, wenn nicht gerade ein kühler Wind durch die Gassen und Häuser blies. Auf dem Markt herrschte reges Treiben, wo ein Jeder versuchte, seine Waren feilzubieten und die Marktschreier sich lauthals Gehör verschafften. Hier und da waren Stadtwachen, die sich mit strengen Blicken Autorität verschafften und aufpassten, dass möglichst niemand auf dumme Gedanken käme.
In dieser Masse bemerkte sicherlich niemand den alten Blinden, der, auf seine Krücke gestützt, durch die Straßen wanderte und seinen Umhang enger um den Hals schlug, als sei ihm entweder kalt, oder er würde versuchen, seine Scham zu verbergen, dass er in einem solch jämmerlichen Zustand war: seine Kleidung war alt, und sie stank. Bis auf die schmutzige Augenbinde, war nicht viel von seiner Mimik zu erkennen. Weder lächelte er, noch zeigte er sonst eine Expression. So wanderte dieser Alte nun, als ihm eine Schar von Menschen entgegenkam. Er konnte zwar nicht ausmachen, was genau da auf ihn zukam, doch seine Ohren verliehen ihm eine weitaus bessere Gabe, die Dinge aufzufassen. Und so schien es, als wäre es ein Trupp von Soldaten oder ähnlich bewaffneten Personen. Anstatt ihnen auszuweichen, ging er geradewegs in die Masse von Leuten herein. Im nächsten Augenblick wurde er auch schon unsanft zurückgestoßen und landete hart auf dem Boden.
"Verzieh dich, du Penner! Was fällt dir ein, dem großen Hohepriester Brágons im Weg herumzustehen? Scher dich fort!", schien einer der bewaffneten ihn anzuschnauzen. Der Alte rappelte sich ganz gemächlich auf, lehnte sich wieder auf seine Krücke und ganz plötzlich sah man ein Lächeln auf seinen Lippen. "Aber, aber, mein werter Herr. Seid nicht zornig, bitte nicht! Ich habe hier eben diesen goldenen Ring gefunden, und ihr könnt mir doch sicher sagen, wem er gehört, habe ich recht?" Mit diesem Satz zog der Alte einen unscheinbaren goldenen Ring aus seiner Tasche und hielt ihn höher in die Luft. "Ein Ring aus Gold? Gib ihn her, sofort! Ich will ihn haben, er gehört mir und meiner heiligen Sache!" hörte der Alte nun eine andere Stimme, die etwas geschwollener klang und irgendwie musste dieser sprechende Mensch wahnsinnig fett gewesen sein.
Ein ekliges Lachen folgte, als man dem alten Mann den Ring aus der Hand riss und ihn wieder davon stieß. Mit einer geschickten Bewegung schob sich der fettleibige Priester den Ring über den kleinen Finger, doch wollte er nicht passen. Er fluchte, zog daran, doch abziehen konnte er ihn auch nicht. Eine ziemlich verhexte Situation, wie jener Mensch schon bald finden würde, denn just als es ihm gelang, den Ring mit einem gewaltsamen Ruck abzuziehen, hatte er keinen Ring mehr in der Hand, sondern eine lebensechte goldene Schlange, die zu wachsen schien. Zischend und blitzschnell schlängelte sie sich um seinen Hals und wand sich immer enger. Ein klägliches Röcheln war das letzte, was dem dicken Kerl entwich, bevor er erstickte und zu Boden fiel.
Vom Alten keine Spur, er schien verschwunden.
Ein paar Monate später ereignete sich eine ganz andere Situation in einer der Hauptstädte der Gynkeesh, die zu den freien menschlichen Handelsvölkern zählen. Es war früh am Morgen, und auf den Straßen waren noch nicht viele Menschen zu sehen. Nur ein paar Frauen rollten ihre Fässer zum Fluss, um sie für die kommenden Tage mit Trinkwasser zu füllen. Mancher Händler war schon dabei, seinen Stand für den Tag vorbereiten und ein anderer war mit einem großen Karren unterwegs, der voll beladen mit Gütern wie Wein, Wolle, Hafer, Kohl und anderen Nahrungsmitteln war. Dahinter noch ein Karren, dann noch einer und so weiter. Es mag für Menschen aus anderen Gefilden merkwürdig sein, diese ziemlich lange Karawane von Karren zu sehen, aber scheinbar war dies einer der größten Händler für Waren dieser Art in der näheren Umgebung. So stand dieser stolze Kerl also vorne auf dem ersten Wagen und lenkte die Wagenkolonne mitten durch die Stadt zum Bestimmungsort, wo sie hin sollte. Wenn jemand im Weg stand,
so wurde er einfach überrollt - Hier galt ganz klar sein Recht, und wenn er hier fuhr, dann hatten alle anderen von "seiner" Straße zu gehen.
So war das nun mal, und dabei würde es auch bleiben, wäre da nicht plötzlich dieser alte blinde Mann am Straßenrand, der lautstark seinen Namen rief und mit einem Arm winkte. Es kümmerte ihn nicht sonderlich, schließlich war er eine sehr bekannte Person, doch dann erregte etwas an dem Alten seine Aufmerksamkeit. Er schien eine goldene Kugel in der Hand zu halten und sie hin und herzuschwenken. Neugierig rief der Händler lautstark, um alle Wagen zum stehen zu bringen, und sprang von seinem Karren ab. Er ging auf den Zerlumpten zu und sprach ihn an: "Was habt ihr hier so eine große goldene Kugel, alter Mann? Die habt ihr doch sicher irgendwo gestohlen!". "Nein, nein, mein Herr. Ihr liegt falsch, sie lag hier herum! Ich stolperte über sie und nun weiß ich nicht wohin damit." - "Lag hier herum, hm? Ich glaube dir kein Wort, alter Kerl. Du gibst mir besser die Kugel, ich werde sie nehmen und in meinem Bekanntenkreis herumfragen, wem sie gehört! Ich bin eine starke Persönlichkeit.",
sagte der Händler und lächelte selbstsicher. Natürlich würde er die Kugel für sich behalten und einen tollen Preis dafür erhalten. Damit könnte er sich dann so einige Wünsche erfüllen, und natürlich noch mehr Reichtum anhäufen. "Sehr nobel von euch, mein Herr. So nehmt sie, nehmt sie!" sprach der Alte und warf sie dem Händler vor die Füße. Dieser bückte sich nach der Kugel und wollte sie aufheben. Sie war furchtbar schwer, aber seine Gier war so groß, dass er sie mit aller Kraft hochzog und zu seinem Karren brachte. Es kam ihm vor, als würde sie immer schwerer und schließlich musste er sie fallenlassen. In all der Anstrengung hatte er den Alten aus den Augen verloren, so schien es nun, also wäre er von der Bildfläche verschwunden. Mit den Schultern zuckend wandte er sich nun wieder der garstigen Kugel zu, traute jedoch seinen Augen nicht. Das, was vorher eine Kugel aus purem Gold war, verwandelte sich in etwas Unförmiges. Ein Brummen war zu hören. Erst leise, dann immer lauter,
und schließlich war es so laut, dass er sich die Ohren zuhalten musste. Nun ging alles blitzschnell: Es gab einen Knall und schon war in einem Schwarm aus surrenden goldenen Käfern, die ihn jedoch ignorierten und schnurstracks auf alles zuflogen, was er auf seinen Karren geladen hatte, und es innerhalb von Sekunden auffraßen. Sie labten sich an allem, was sie fanden, erhoben sich dann hoch in die Luft, schwirrten davon, und waren nie mehr gesehen.
Nun muss ich, lieber Leser, sagen, dass solche Ereignisse durchaus verwirrend klingen und ich sie mir teilweise selbst nicht erklären kann. Doch weise ich darauf hin, dass es sich genau so zugetragen haben muss, gab es doch genügend Zeugen. Natürlich ist es so, dass solch unglaubliche Dinge meist von Erzählung zu Erzählung ausgeschmückt werden, sodass man irgendwann einmal nicht mehr genau auseinander halten kann, was die Wahrheit, und was erfunden ist. Die Geschichte geht noch etwas weiter, und auch den letzten Teil, bin ich geneigt, zu erzählen. So setzt euch noch etwas hin, und lasst mich davon berichten.
Der letzte Schauplatz, an dem man den merkwürdigen Blinden jemals sah, war die große Stadt Salkamar. Es war später Nachmittag und dennoch brannte die Hitze in der staubigen, trockenen Stadt. Jeder ging hier irgendwie seiner Arbeit nach, bis auf ein paar Bettler, die es sich an einigen schattigen Plätzen gemütlich gemacht haben, um sich ein wenig zu entspannen oder von dem erbettelten Geld dem Wein zu frönen. Obwohl die Salkamaerianer als sehr ehrenvoll galten, war man doch eher besonnen, den Bettlern und Armen der Stadt aus dem Weg zu gehen. Ihnen wurde kein Hass entgegengebracht, aber man mied sie.
Ein einsamer Mann, dem ein Arm fehlte saß nun dort unter einem schmalen Baum und döste vor sich hin, als er unerwarteten Besuch bekam. Ein alter, blinder Tattergreis setzte sich neben ihn und grüßte ihn freundlich. "Hallo, mein Freund, darf ich mich zu dir setzen?" sprach er besonnen und lächelte freundlich. Der Einsame blickte kurz auf und nickte nur langsam. "Natürlich, nehmt ruhig Platz, ihr bekommt meinen Platz im Schatten!" sagte der Einsame nun lächelnd und rutschte zur Seite, in die heiße Sonne. Gemeinsam saßen sie dort eine lange Zeit, ohne dass einer der Beiden etwas sagte, bis der Blinde plötzlich das Schweigen brach: "Ich bin viel unter den Menschen herumgereist und habe dabei viel erlebt. Dabei bin ich auch zu dem Urteil gekommen, dass Menschen etwas in sich tragen, das ihnen unendliches Leid beschert, und das ist ihre Gier und ihr Neid auf alles, was ihnen einen Vorteil verschafft. Nun bist du, einsamer Bettler, der Erste, der nicht nur daran denkt, sich selbst zu frönen.
Zum Dank will ich dir diese Goldmünze geben, die ich gefunden habe. Nimm sie, sie gehört dir!" Der Einarmige starrte die Hand des Blinden lange an und das Goldstück, dass auf der Handfläche dargelegt war. Er grübelte darüber, zeigte jedoch nur wenig Ausdruck in seinem Gesicht. "Was soll ich mit einem Stück Metall, wenn es mir doch nicht mein Glück zurückbringen kann? Ich habe viel verloren im Leben, und Reichtum war genau das, was mich in dieses Unglück geführt hat. Behaltet die Münze, alter Mann, kauft euch etwas zu Essen, und schlaft angenehm.", sagte er schließlich und lächelte den Alten an. Dieser stand nun auf und schmunzelte erheitert. "Danke, mein Freund! Ihr habt mir die Augen geöffnet!", entkam es ihm, während er seine Augenbinde abnahm und sie dem Einarmigen auf die Narbe an der Schulter legte. Wie von magischer Natur wuchs ihm augenblicklich ein neuer Arm.
Der Alte drehte sich um und ging fröhlich lachend davon.
Aufgeschrieben von:
Markous der Salkamaerianer
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