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Die Suche - Kapitel 1.

Braam al Thadór genoss die frische Luft, die er in tiefen Zügen in seine Lungen einatmete. Sie waren jetzt tief in den Wald vorgedrungen und ritten an den Ufern eines kleinen Baches entlang. Schon viele Tage waren vergangen, ohne dass er die Zeit gefunden hätte, mit seinem ältesten Freund Tarn hinaus in die Wildnis zu reiten. Dies hätte er schon viel früher machen sollen, dachte er bei sich, denn er spürte, wie die Anspannungen der letzten Wochen von ihm wichen und die anstrengenden Staatsgeschäfte, welchen er sich widmen musste, langsam in seiner Erinnerung verblassten.

Er zügelte sein Pferd und kam zum Halt. "Ach Tarn, wären wir doch wieder jung. Könnten wir doch die Zeit zurückdrehen und unbeschwert durch die Wälder streichen, so wie wir es früher taten."

"Herr, ich weiß schon, warum ihr die Jugend wieder herbeisehnt! Eure müden Knochen scheinen zu schmerzen, nach dem Ritt eines langen Tages. Ich wusste nicht, dass ihr schon so alt geworden seid. Vielleicht sollten wir wieder zurück reiten, damit ihr euch in euer warmes Bett legen und den Haferbrei der Schlossküche genießen könnt", erwiderte Tarn und schnaubte dabei spöttisch.

Braam musste lachen. "Ist es denn so offensichtlich? Du kennst mich zu gut, als ob es mir möglich wäre, mich vor dir zu verstellen. Ich denke, ein paar Tage im Sattel und meine alten Knochen wären wieder geölt wie in den Zeiten unserer Jugend. Aber da du das Essen ansprichst, wie wäre es mit einer Rast?“ Braam blickte hoffnungsvoll auf seinen Freund. „Der Proviantbeutel an deinem Sattel ist prall gefüllt. Ich schätze es ist an der Zeit, dein Pferd von ein wenig Balast zu befreien."

Tarn schaute skeptisch in den Himmel, der an einigen Stellen zwischen dem Blätterwald über ihren Köpfen zu sehen war. "Herr, ich glaube es ist besser, wenn wir zuerst einen geschützten Ort finden. Der Wind frischt auf und dunkle Wolken ziehen bereits über unseren Köpfen hinweg. Ich befürchte, dass es bald regnen wird."

Braam stand in den Steigbügeln, um sein schmerzendes Hinterteil zu entlasten, und grinste zu Tarn herüber: "Nun, eine Bad würde dir mit Sicherheit gut tun, bei dem Gestank, den du verbreitest. Bist du eigentlich freiwillig mitgekommen, oder hat dich deine Frau rausgeworfen, weil sie deinen Geruch nicht mehr ertragen konnte?"

Diesmal war es an Tarn zu lachen. "Ich sehe, dass ihr trotz eurer schmerzenden Glieder euer beißendes Mundwerk nicht verloren habt. Kommt lasst uns noch ein wenig weiter reiten. Vielleicht finden wir noch einen Unterschlupf, wo wir trocken die Nacht verbringen können." Kaum hatte er die letzten Worte gesprochen, fanden auch schon die ersten großen Tropfen einen Weg durch das Blätterdach. Sie gaben ihren Pferden die Sporen, denn der Anblick des Himmels versprach nichts Gutes. Schon nach kurzer Zeit wurde der Wind immer stärker. Die Wipfel der Bäume bogen sich hin und her und ein lautes Rauschen war im Wald zu vernehmen.

"Herr, nicht oft bin ich hier in dieser Gegend gewesen, aber in meiner Erinnerung gibt es nicht weit von hier eine abgelegene Hütte, in der die Familie eines Kräutersammlers lebt. Vielleicht können wir dort unterkommen, bis sich das Unwetter wieder verzogen hat." Tarn war kaum noch zu verstehen, so laut war es mittlerweile geworden. Blitze zuckten über den Himmel. Ein heftiger Sturm kündigte sich an.

"Gut", rief Braam, um die Geräusche zu übertönen, "aber ich möchte nicht, dass diese Familie erfährt, wer ich bin. Tun wir so, als ob wir Händler wären, die Freunde in dieser Gegend besuchen wollen."

"Oh, ihr wollte euch unerkannt unter das Volk mischen? Eine gute Idee. Dann erfahrt ihr auch endlich, wie unbeliebt ihr seid." Tarn ließ keine Gelegenheit aus, um Seitenhiebe zu verteilen. Bereits nach kurzem Suchen hatten sie die Hütte des Kräutersammlers erreicht und dennoch waren sie fast bis auf die Knochen durchnässt. Ein richtiger Wolkenbruch ergoss sich über die Erde. Mit der Vorstellung, diese Nacht im Freien verbringen zu müssen, wollte sich keiner von beiden anfreunden.

Beide stiegen vorsichtig vom Pferd, um auf dem aufgeweichten Boden nicht auszurutschen, und während Tarn die Zügel der Pferde hielt, klopfte Braam an die Tür. Nach kurzer Zeit wurde sie einen Spaltweit geöffnet und ließ den Blick auf einen etwa 30 Jahre alten Mann zu. "Was wünscht ihr?", fragte der Mann, und in seiner Stimme schwang sowohl Besorgnis als auch Angst mit.

"Verzeiht die Störung", sprach Braam, "wir sind friedliche Händler auf der Durchreise, als uns das Unwetter überraschte. Wir suchen einen trockenen Rastplatz für die Nacht. Wir können euch auch ...."

Der Satz war noch nicht beendet, da wurde die Tür plötzlich wieder zugeworfen. "Da seht ihr, was ihr für einen Einfluss auf das einfache Volk habt. Ihr hättet euch besser versteckt und wäret erst herausgekommen, nachdem ich mit den Leuten ins Gespräch gekommen wäre", sprach Tarn.

"Pass du lieber auf, dass dieses breite Grinsen in deinem Gesicht nicht für immer erstarrt", antwortete Braam und schaute dabei missmutig in den Himmel. "Sei still, ich glaube sie reden über uns."

Kurze Zeit später wurde die Tür wieder geöffnet. "Verzeiht meine Vorsicht und mein rüdes Verhalten, Reisende, aber in letzter Zeit ist viel fremdes Volk unterwegs und Berichte sind mir zu Ohren gekommen über Räuber, die diese Gegend unsicher machen. Ich gestatte euch, heute Nacht hier zu übernachten, wenn euch auch der Stall nur als Obdach dienen wird. Bringt eure Pferde dort unter und kommt dann herein, ihr könnt ein einfaches Mahl mit uns teilen." Die Tür war jetzt weit geöffnet und Braam sah, dass der Mann ein kurzes Schwert in der rechten Hand führte.

Braam bedankte sich bei dem Mann und führte zusammen mit Tarn ihre beiden Pferde in den Stall. Sie versorgten die Tiere und zogen sich trockene Kleider an. Als Tarn sein Schwert mitnehmen wollte, hielt ihn Braam davon ab. "Ich möchte die Familie nicht weiter ängstigen. Lass dein Schwert hier, sie scheinen keine Bedrohung für uns zu sein." Man konnte in Tarns Gesicht ablesen, dass er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden war, doch tat er wie ihm geheißen und stellte sein Schwert an die Wand, bevor er Braam folgte.

Als sie zum Haus zurückkehrten, stand der Mann immer noch in der Tür und beobachtete sie misstrauisch. Er führte sie in die Stube und stellte ihnen seine Familie vor. Neben seiner Frau und seinen drei Kindern lebte auch noch seine alte Mutter bei ihm. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, setzten sich alle an den großen Tisch, welcher bereits gedeckt war. Doch bevor sie mit dem Essen anfingen, sprach der Mann ein kurzes Gebet: "Wir danken Dir Oldra für die Nahrung, die wir in Deinem Namen dem Boden abringen durften, und Dir Malachín, für die Früchte des Waldes, die Du uns geschenkt hast." Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, brach er ein Stück des Brotes ab, legte es auf einen Teller und brachte es als Götternahrung zu dem kleinen Schrein, der sich in einer Ecke des Raumes befand.

Als er sich wieder gesetzt hatte, bot er zuerst den Gästen vom Essen an, bevor sich auch die anderen bedienten. Nachdem sie zu Ende gegessen hatten, wurde den Kindern befohlen, ins Bett zu gehen. Doch wie alle Kinder waren sie noch nicht bereit dafür. Sie bettelten ihre Oma an, ihnen noch eine Geschichte zu erzählen, und versprachen, danach sofort ins Bett zu gehen. "Nein, nicht heute", sprach die alte Frau zu den Kindern, "wir haben Besuch, und ich will unsere Gäste nicht mit meinen alten Geschichten langweilen."

"Lasst Euch von uns nicht stören", sprach Braam. "Als Kind habe ich den Märchen meiner Grosseltern immer gerne gelauscht. Bitte, erzählt!"

"Gut", sprach die alte Frau und blickte dabei die Kinder an, obwohl sich Braam bewusst war, dass sie ihn damit meinte, "dann will ich euch diese Geschichte erzählen. Aber eins solltet ihr niemals vergessen. Alt mögen diese Geschichten sein und von vielen als Märchen oder Legenden abgetan werden, aber ich sage Euch, sie sind alle genau so passiert, wie ich sie euch erzähle.“

Die alte Frau lehnte sich in ihren Stuhl zurück und schaute ihre Enkel mit ernstem Gesicht an. Dann begann sie mit eindringlicher Stimme zu erzählen: „Vor langer Zeit lebte ein Fürst nicht unweit von hier. Sein Name war Munahir und er war gefürchtet wegen seiner Boshaftigkeit und Grausamkeit, die seine Taten und Gedanken beherrschten. Er regierte ein Reich, in dem die Menschen glücklich hätten sein können, denn der Boden war fruchtbar und die Bewohner fleißig. Doch Munahir überzog die Nachbarstaaten mit Krieg und presste aus seinen Untertanen so viel Gold, wie er nur konnte, sodass ihnen zu wenig zum Leben blieb. Doch keiner wagte es, sich gegen ihn zu erheben, denn diejenigen, die es taten, waren des Todes. Dort wo Frieden hätte herrschen können, brachte er Zerstörung, dort wo das Leben hätte gedeihen können, brachte er den Tod.

Eines Tages begab sich Munahir mit ein paar Männern in den Wald, um jagen zu gehen. Als sie durch den Wald ritten, erspähten sie schon bald frische Spuren im sonst unberührten Waldboden. Anscheinend war erst vor kurzer Zeit ein Wolfsrudel hier vorbeigezogen. So ließen sie ihre Pferde zurück und folgten leise den Spuren, bis sie an den Rand einer Lichtung kamen. Dort erblickten sie einen großen Wolfsrüden, der unbekümmert in der Mitte der Waldlichtung stand. Er war größer und kräftiger als alle anderen, die sie bisher zu Gesicht bekommen hatten und sein Fell war schwärzer als die tiefste Nacht. Ja, selbst schwärzer als das Herz Munahirs. Es war, als ob man in die dunkle und unergründliche Unendlichkeit blicken würde.

Wie verzaubert standen die Männer an der Waldlichtung und blickten auf den Wolf, der sie nicht gewittert zu haben schien. Munahir war der erste, der sich diesem Zauber entzog. Augenblicklich hob er seinen Bogen, legten einen Pfeil auf die Sehne und begann, den Bogen zu spannen. Doch im gleichen Augenblick als der Pfeil die Sehne verließ, schlug einer der Bediensteten, seinem Herrn auf die Hand. Der Pfeil, der mit tödlicher Sicherheit sein Ziel gefunden hätte, schoss nur knapp an der Flanke des Tieres vorbei und mit einem großen Satz war der Wolf im Wald verschwunden.

Wutentbrannt und voller Zorn schrie der Fürst den Mann an. "Wie kannst Du es wagen, die Hand gegen mich zu erheben?" Bleich vor Angst antwortete der Mann: "Aber Herr, kennt ihr denn nicht die alten Geschichten? Man sagt sich, dass Malachín selbst in der Gestalt eines schwarzen Wolfes auf dieser Welt wandelt. Ich habe euch vor einem großen Unglück bewahrt." Doch der Zorn Munahirs kannte keine Grenzen und die Worte des Mannes verhallten im steinernen Herzen dieses grausamen Fürsten. Der Dolch des Fürsten blitzte nur kurz auf, bevor er in die Brust des unglücklichen Mannes getrieben wurde. Entsetzt sahen die anderen Bediensteten, wie der leblose Körper zu Boden sackte. Bleich vor Angst wichen sie vor ihrem Herrn zurück. "So sterben alle, welche die Hand gegen mich erheben", schrie Munahir ihnen zu. "Ich will diesen Wolf haben. Sein Fell soll die Hallen meines Thronsaales schmücken und keiner wird mich daran hindern. Los, verteilt euch und jagt dieses Tier. Derjenige, der den Wolf erlegt, wird eine große Belohnung von mir erhalten." Zu verängstigt, um sich ihrem Fürsten zu widersetzen, gehorchten sie seinem Befehl widerwillig. Sie verteilten sich auf einer Linie in dem Wald und schlichen in die Richtung, in der das Tier verschwunden war.

Aber der Fürst war so erregt in Erwartung, diesen wunderschönen Wolf zu töten, dass er schneller ging als die anderen und sich so langsam von den anderen entfernte. Sein Bogen lag schussbereit in seiner Hand und seine Augen suchten angestrengt das Dickicht ab. Hier und da waren wieder Spuren zu erkennen, und leise folgte er ihnen. Auf einmal sah er etwas Schwarzes zwischen den Büschen hervorschauen. Ohne Geräusche zu verursachen, schlich er leise näher. Und da stand der Wolf auch neben einem großen Baum, und schaute zu ihm herüber. Munahir wunderte sich, denn der Wolf musste ihn gesehen haben, doch zeigte er keinerlei Angst oder Anstalten davonzulaufen. Er blickte in die großen dunklen Augen des Tieres, die so schwarz wie das Fell des Wolfes waren und in seiner Vorstellung immer größer wurden. Er verlor sich in ihnen und vermochte seinen Blick nicht mehr abzuwenden.

Er wusste nicht wie ihm geschah. Aber das Verlangen zu töten, wich von ihm und seine Arme erschlafften. Eine blau schimmernde Aura erschien um den schwarzen Wolfsrüden, welcher immer noch in einiger Entfernung von ihm stand und zu ihm hinüberblickte. Der Fürst fiel auf die Knie, so als ob keine Kraft mehr in seinen Beinen steckte. Krämpfe durchzuckten seinen Körper und er beugte sich vornüber und berührte mit seinen Händen den kühlen Waldboden. Etwas geschah mit ihm! Er glaubte zu spüren, dass dieser Körper, in dem er steckte, nicht mehr richtig war. Voller Schrecken schaute er auf seine Hände und Arme, die eine Verwandlung durchzumachen schienen. Seine langen und schlanken Finger verschwanden und seine Handwurzeln wölbten sich auf. Seine Arme streckten sich in die Länge, wurden immer dünner und graziler. Auf seiner Haut spross ein schwarzes Fell, welches nach und nach seinen ganzen Körper bedeckte. Der Fürst krümmte sich vor Schmerzen. Nie zuvor hatte er solche Qualen erlitten. Er schüttelte seinen Kopf, der nicht mehr die gleiche Form zu haben schien. Er wollte aufschreien, doch dies war ihm nicht mehr möglich. Er versuchte aufzustehen, doch auch dies gelang ihm nicht.

So plötzlich, wie der Schmerz eingesetzt hatte, verschwand er auch wieder. Benommen und erschöpft schaute Munahir auf. Noch immer stand der Wolf an der gleichen Stelle, aber das blaue Glühen war verschwunden. Er musste geträumt haben, dachte sich der Fürst. Dies konnte nicht sein. Eine unbändige Angst stieg in ihm auf und übermannte ihn. Er musste fort! Weg von diesem unheimlichen Geschöpf, welches dort reglos stand und ihn aufmerksam beobachtete. Er drehte sich um und lief davon. Er müsse nur seine Männer finden, dachte er bei sich. Es waren seine Diener, die seinem Befehl gehorchten. Diese würden ihm schon helfen. Daran hielt er sich fest, während er in panischer Angst das Unterholz durchbrach. Endlich erblickte er zwei von ihnen, die langsam in seine Richtung gingen. Er war gerettet! Vor Freude heulte er auf. Doch was er dann sah, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Die beiden Männer, die seiner gewahr wurden, hoben augenblicklich ihre Bögen und schossen je einen Pfeil auf ihn ab. Die Zeit schien für den Fürsten beinahe stehen geblieben zu sein. Mit weit aufgerissenen Augen sah er, wie die beiden Geschosse auf ihn zugeflogen kamen. Er wollte noch zur Seite springen, aber dafür war es zu spät. Die Pfeile verfehlten nicht ihr Ziel und streckten den schwarzen Wolf nieder."

"Noch eine Geschichte, bitte, nur noch eine", bettelten die Kinder als die Geschichte beendet war. Doch ihre Mutter stand vom Tisch auf und ließ sich nicht erweichen. Sie nahm das kleinste der Kinder auf den Arm und begab sich mit den anderen in den Nebenraum, um sie zu Bett zu bringen.

Tarn unterhielt sich noch ein wenig mit dem Kräutersammler, doch Braam nahm an dem Gespräch nicht teil. Gedankenversunken kehrte er schon bald zum Stall zurück und legte sich für die Nacht nieder. Und mag es an dem Wind gelegen haben, der um das Haus im Wald herum tobte oder an dem Regen, der gegen das Dach prasselte, er suchte lange vergebens nach Schlaf.

Aufgeschrieben von:
Indara Sadin
Hohepriesterin des Hauses Thadór
Bewahrerin der Chroniken von Kahandar

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