Welcome to Moonsilver

 
 
 

Wie der Meisterdieb Ben A´Vinash zu einem Königreich kam.

Als Ronagan eines Tages wieder auf Erden wandelte kam er in die Stadt Ghorent, die Hauptstadt des Königreichs Galezien. Es begab sich, dass eben an jenem Tage der König eine offene Audienz veranstaltete. Dies hieß, dass alle Bürger das Recht hatten zum König Bedenas zu kommen und ihm seine Bitten, Sorgen und Wünsche vorzulegen. So begab sich auch Ronagan als unscheinbarer Mann Mitte dreißig in die Staatshalle des Königs. Er betrachtete verächtlich die Bittsteller, die sich unterwürfig vom König und seinen Beratern demütigen ließen. Da trat eine wunderschöne Dame in reichverzierten Gewändern ein. Alle Augen richteten sich jäh auf das Wunder dieser holden Gestalt. Sie trat ungehindert vor, senkte ihr Haupt vor dem König und setzte sich anschließend in seine Nähe, um ebenfalls an der Audienz teilzunehmen. Nach einiger Zeit fand sich auch der nächste Bittsteller ein, der dem König um Rat bei einem Nachbarschaftsstreite zu fragen. Doch die Augen des Gottes konnten sich nicht von jener Schönen lösen. „Wer ist jene?“ flüsterte er einen Mann neben sich zu. „Dies, mein Herr, ist die Perle des Königreichs. Simuel, die Prinzessin und Tochter unseres Königs. Ein wunderbarer Anblick, nicht wahr? Man sagt, sie würde jeden Werber abweisen.“ Die weiteren Worte dieses durchaus gesprächigen Bauerns hörte Ronagan nicht mehr. Erst als die Perle Galiziens den Raum wieder verlassen hatte – es war wohl schon lange nach Sonnenuntergang – löste sich der Bann und Ronagan stürmte hinaus und hinauf in seine Gefilde. Er beschloss, dass er nicht ruhen werde, ehe ihm jene schöne als Beute überreicht werden würde. So blickte er sich auf der Erde um und suchte nach seinen Anbetern. Den meisten würdigte er keines Blickes, kleine Gauner und Diebe, kaum der Rede wert. Doch da sah er Ben A’Vinash in der Stadt Trollsbane. Irgendetwas schien an diesem Diebe anders, so beschloss er sich, Ben A’Vinash eine Zeit zu beobachten.

Dieser Mann, Ben A’Vinash, war ein durchaus talentierter Dieb und Ränkeschmied. Er hatte einst dem Zwergenkönig seine Krone vom Kopfe geschwatzt, einer hochehrwürdigen Elfe ihren liebsten Garten abgekauft und einem Halbling sein Gut gegen eine nutzlose Bohne vertauscht. Nun war er aber gerade ein wenig in Bedrängnis. Ein kleines Mädchen, die er einst um ihr geliebtes Spielzeug erleichtert hatte, war herangewachsen mit einem geheimen Groll gegen ihn. Sie hatte ihn Jahr über Jahr im Auge behalten und nun endlich Beweise gesammelt, die ihm wohl ein Leben im Kerker sichern würden. Sie war aber so unbedacht, ihm dies zu sagen und so konnte der gute Mann noch eine heimliche Ausreise organisieren. Nur musste er all seine Schätze und den gestohlenen Grimmskrams hinter sich lassen, so dass er als armer Mann fort reiste. Dies war aber durchaus nicht in seinem Willen und so opferte er Ronagan noch sein letztes Kleinod, die Krone des Zwergenkönigs, um ihn um Hilfe zu bitten. Der Gott war durch diese Geste durchaus gerührt und da er immer noch keinen passenden Mann gefunden hatte, der ihm die Perle Simuel bringen könnte, holte er ihn zu sich. Ben A’Vinash sah sich erstaunt in der mächtigen von Gold und Edelsteinen funkelnder Halle des Gottes um, ohne ein Wort sagen zu können. Seine Augen glitzerten bald selbst wie ein Diamant und sein Gesicht strahlte vor Seeligkeit. „So willst du Hilfe von mir? Du weißt, ich gebe nichts ohne nicht viel mehr genommen zu haben.“ sprach der Gott mit einer sehr bestimmten Stimme. „Erhabener, es gibt nichts mehr, das ich Euch noch geben könnte. Aber ich werde alles tun, was Ihr befiehlt, wenn ich nur meine Rache bekomme und jenes verruchte Weib ihre Strafe erhält.“ – „So werde ich dir eine Aufgabe stellen. Erledigst du dieses kleine Geschäft, soll dir dein Wunsch erfüllt werden.“ Skeptisch blickte der Dieb auf seinen Gott, wusste doch jedes Kind, dass Ronagans Stimme berüchtigt war für seine Doppelzüngigkeit. Doch blieb dem Mann keine Wahl als anzunehmen, was hätte er auch tun sollen? „Bring mir Simuel, die Prinzessin aus Galezien als Opfergabe dar. Sie wird meine Halle mehr schmücken als es je irgendetwas konnte. Ich werde dafür Sorgen, dass du während dieser Aufgabe zu deiner Rache kommst!“ Mit diesen Worten schickte er ihn aus.

Nach mühevoller Reise und vielen Entbehrungen, Ronagan ist ja nicht gerade für seine Großzügigkeit bekannt, stand er endlich vor den Stadtmauern der prächtigen Wüstenstadt Ghorent. Mit zerlumpten Gewande zog er ein, doch wusste sich unser guter Freund dank seiner grazilen Finger durchaus zu helfen. So hatte er bald genug Geld „gesammelt“ um ein Quartier zu suchen und den Abend mit Wein, Weib und Gesang zu verbringen. Es wurden durchaus fruchtbare Stunden für unseren Ben A’Vinash. Dieser konnte sich gleich am ersten Tage durch einige Krüge guten Hausweins einen Freund am Hofe anlachen (Natürlich war dieser Wein kaum so geschenkt wie der gute Mann meinte, denn seine Tasche leerte sich mit jedem Kruge ohne sein Wissen). „Der Narren Klugheit besteht in der Dummheit der Menschen.“ sprach der neue Freund, seines Zeichens Famiel genannt, Hofnarr und Berater des Königs. Dieser törichte Mann war so vom Alkohol befangen, dass er dem Meisterdieb bald alle geheimen Geschehnisse am Hofe verraten hatte. A’Vinash wusste so bald um die gemeinsten Intrigen und alle Gerüchte. Des nächsten Tages – dem armen Hofnarrn plagte der Kopfschmerz und die leidliche Frage, wo er wohl all sein Geld ausgegeben hätte, zumal er sich noch zu erinnern dachte einen netten Menschen kennen gelernt zu haben, der ihm einen Krug um den anderen bezahlt hatte – ging der Ränkeschmied fröhlich ans Werk. Für seine berede Zunge war es nicht schwer sich Einlass in die Häuser der Hofleute einzuschleichen und sich selbst als eine mächtige und wichtige Person darzustellen. Er flüsterte so manchen Dinge ins Ohr, die alsbald dazu führten, dass am Hofe Hader und Streit ausbrachen. Nach nur wenigen Wochen war es so weit: Der König wusste weder ein noch aus, Boten wurden übers Land geschickt um einen Friedensstifter zu finden. Da tauchte plötzlich in der Stadt ein fremder Mann auf, dessen Ruf weit über die Lande bekannt war (wir, werter Leser, wissen sehr wohl, dass dieser Mann niemand anderer als Ben A’Vinash war, und sein Ruf ein Gebilde seiner Phantasie war). Der König ließ ihn also zu sich rufen und sprach: „Du sollst mit Reichtum überschüttet werden, wenn du wieder Friede unter den Meinen schaffst.“ Doch der kluge Mann erwiderte: „Nicht Reichtum ist was ich begehre, eine Liebe erträume ich mir, die größer sein sollte als alles andere auf Erden.“ Die Prinzessin, die diesem Gespräch heimlich gelauscht hatte, war beeindruckt, einen so edlen Gedanken aus dem Munde dieses nicht gerade hässlichen Herrens zu hören. Wie vom Blitze getroffen trat sie also vor und verkündete: „Wer es schafft den Frieden mit Worten herzustellen und dabei keine Schätze verlangt, der sei würdig, die höchste des Landes zu ehelichen.“ Und genau das wollte er hören. So machte er sich erneut ans Werk und flüsterte den Edlen des Landes so einiges ins Ohr. Keiner weiß heute mehr, was er ihnen wohl gesagt und versprochen hatte, aber es wirkte unverzüglich. Als er nach geglücktem Werke wieder an den Hof kam, wurde er mit allen Ehren empfangen. Die Prinzessin schritt ihm entgegen und der Bund wurde geschlossen. Ronagan inzwischen wurde immer neugieriger, wie dieser Mann sein Versprechen wohl halten würde, ja langsam zweifelte er an den Absichten seines Untergebenen und dachte sich schon alle möglichen Katastrophen aus, die ihm zustoßen sollten, würde er nicht bald seine Perle in seinen Hallen sehen. Ben A’Vinash machte sich aber inzwischen daran, seinem neuen Vater zu erklären, wie alt er doch geworden wäre. Er wusste um die Magie der Worte und war ein Meister in der Ausübung jener Kunst. Kaum ein Jahr war vergangen und der alte König gab die Regierungsgeschäfte seinem Schwiegersohne. Dieser war aber in der Zwischenzeit nicht faul. Er hatte sich auch um seine Angetraute – die er im Übrigen niemals anrührte, als Zeichen seines Respektes, wie er meinte – gekümmert. Alsbald war sie soweit von ihm abhängig, dass sie keinen Schritt ohne ihn wagte. So schloss er sich eines Tages ein und rief seinen Gott an: „Meister der Diebe und der Händler, nun ist es an der Zeit, deine Perle in die unglaublichen Hallen deines Ruhmes zu überführen. Öffne deine goldene Treppe und sie wird zu dir gehen, wie ein Schaf auf die Weide.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, erschien eine goldene Treppe. Er holte seine Angetraute und führte sie nun also endlich zu Ronagan. Dieser war so zufrieden, dass er sogar ein wenig lächelte. Simuel war ihrem Manne untertan und gehorchte ihm aufs Wort, als er ihr befahl nun auf Ewig hier zu weilen und dem Gotte zu dienen. Ronagan selbst bestrafte die Vettel, die einst seinem Meisterdiebe so schadete und Ben A’Vinash wurde fortan König seines Reiches, der am Hofe, das Verschwinden seiner Ehefrau zutiefst bedauerte. Doch führte er die Geschäfte so gut, dass die Händler viel verdienten, sich dich königlichen Schatzkammern stets vermehrten und die verfeindeten Reiche viel zu viel damit zu tun hatten sich gegenseitig auszulöschen, als dass sie noch je eine Gefahr für das Königreich bedeuten hätten können.

aus dem Nachlass von:
Mariana Gutenhof

to the top
Elder Gods
Younger Gods